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Barfußwandern

Die Wiederentdeckung der natürlichsten Art der Fortbewegung

Am Morgen ist das kitzelnde Gras noch etwas feucht und kühl. Doch schon nach wenigen Minuten kommen die ersten sonnengewärmten Steine und raschelndes Laub. Wenige hundert Meter später quillt dunkler Matsch durch meine warmen Zehen und verschafft den Füßen lehmbraune Socken. Meine beschuhten Begleiter_innen ärgern sich über ihre schmutzigen Schuhe. Ich gehe einfach durch eine kleine Pfütze oder die nächste Wiese und marschier mit sauberen Sohlen weiter.
Nach einigen Stunden will es dann jemand ganz genau wissen. Ich muss mich hinsetzen und meine Füße zeigen. Doch auch bei genauem Hinsehen werden kein Kratzer und keine Schramme entdeckt. Die tastenden Finger fühlen nur eine kräftige, gut durchblutete und leicht schmutzige Haut.

Wie anders sieht es bei meinen Mitwanderern aus. Beim Ausziehen der Schuhe steigt die bekannte Duftnote in die Nase und heraus kommen im eigenen Saft gegarte Füße, die endlich aus ihrem engen Gefängnis befreit werden. Gleich mehrere Blasen müssen versorgt und die durchschwitzten Socken in der Sonne zum Trocknen ausgelegt werden.

Barfuß wandern ist cool!
Als Menschen sind wir dazu geboren, barfuß zu gehen. Wer wieder einmal - und bewusst - barfuß gegangen ist, weiß wozu der Körper ohne die Krücke der Schuhe in der Lage ist. Der Weg zum Barfußwanderer braucht zwar auch etwas Übung, doch kürzere Wanderungen können auch von Ungeübten auf geeignetem Untergrund durchgeführt werden. Also: ruhig weg mit den miefigen Adidas- und Nike-Tretern. Die Wanderjugend kann nicht nur auf karierte Hemden verzichten, sondern auch auf rote oder sonstwiefarbene Socken und die schweren Wanderstiefel im Schrank lassen. Wir zeigen, was in unseren Füßen steckt - und das ist jede Menge!

Jetzt endlich spüren wir wieder den Tastsinn unserer Fußsohlen. Kein Schuhprofil ist im Gelände so griffig wie unsere Zehen. Pfützen sind willkommene Kühlung und kein schuhverschmutzendes Hindernis. Wir bewegen uns wie Indianer, sanft und leichtfüßig. Die Füße werden viel später müde, weil sie sich bewegen können und nicht starr in ein schweres Gefängnis eingesperrt sind. Schluss ist auch mit dem ewigen Schuheputzen, etwas Wasser und Seife oder eine feuchte Wiese reicht für die Füße aus.
Wer barfuß wandert, merkt was uns Werbung und Industrie verschweigen: Wir brauchen nicht 23 verschiedene Schuhe für alles und jeden Zweck. Die einfachsten Lösungen sind oft die besten. Wandern ohne Wanderstiefel ist einfach ein Genuss. Und das Preis-Leistungs-Verhältnis barer Füße ist beim Wandern unschlagbar.


Barfußwandern mit der Gruppe
Sucht euch einen Weg mit abwechslungsreichem Belag. Am geeignetsten sind natürlich Gras, Sand oder Erde, naturbelassene Wald- und Feldwege als Untergrund. Schotterwege oder gekieste "Wanderautobahnen" sind eher wenig geeignet. Bei Waldwegen muss man nur aufpassen, dass man die Füße ausreichend hoch hebt, damit man sich nicht die Zehen an Wurzeln stößt. Für eine Gruppe mit noch ungeübten Barfußwanderern ist es hilfreich, wenn jemand ortskundig ist und eine barfußfreundliche Wegführung ausgekundschaftet hat.

Die erste Barfußwanderung sollte nicht mehr als 2-3 Stunden dauern, dann reicht es den meisten Füßen. Anfangs lieber etwas weniger als zuviel laufen und ausreichend Pausen einlegen. Auf die Geschwindigkeit kommt es nicht an. Achtet auf die Eindrücke unter den Sohlen, welche Untergründe sind angenehm, welche pieksen, welche schmeicheln den Füßen? Im eigenen Interesse solltet ihr den Blick immer etwas auf den Boden halten, damit ihr nicht auf spitze Steine oder Dornenzweige tretet. Und gleichzeitig seht ihr Tiere und Pflanzen, weicht aus und schont sie, anstatt beschuht hindurchzustapfen.
Wer mag, kann natürlich Trekking-Sandalen oder leichte Schuhe in den Rucksack packen. Sie sollten aber nur im Notfall angezogen werden bzw. wenn der Weg zwischendrin allzu unangenehm zu werden droht - auf längeren Schotterstrecken z.B. Zum Abschluss der Wanderung sucht man sich einen kleinen Bach oder eine feuchte Wiese und säubert die Füße von ihrer dunklen Farbe.

Das Gefühl nach der Wanderung ist toll: Die Füße sind warm, kribbeln etwas und fühlen sich richtig gut an. Möglicherweise werden die Füße von der noch ungewohnten Massage etwas müde sein. Auch die Waden melden sich manchmal mit Muskelkater, da wir beim Barfußgehen mit dem Fußballen oder dem ganzen Fuß auftreten, nicht aber mit der Ferse zuerst.

Doch das positive Gefühl überwiegt und auch beim Barfußwandern macht erst etwas Übung den Meister: Dann können auch schwierigere, rauere Böden problemlos gemeistert werden und auch Ganztagestouren sind nach einigen Wanderungen kein Problem mehr. Jetzt merkt man auch, dass die normalen Wanderwege mit ihren Feinschotterdecken alles andere als (bar-)fußfreundlich sind. Auf der rauen Oberfläche ermüden die Füße schnell und man vermisst die angenehmen Sinneseindrücke des Waldes, von Rindenmulch, Gras oder Sand.


Erste Schritte vor der Wanderung
Wer eine Kinder- oder Jugendgruppe hat, kann vor der ersten Wanderung einige Gruppenabende mit kleinen Barfußaktivitäten starten, um die Kinder spielerisch ans Gehen ohne Schuhe zu gewöhnen. Erkundet barfuß die Umgebung: Welche Untergründe gibt es im Umkreis von 10 Gehminuten? Wie fühlen sie sich an? Welcher Untergrund ist angenehm, welcher ist unangenehm? Wer hat nach dem Spaziergang die saubersten oder schmutzigsten Sohlen? Tipps für Barfußspiele gibt’s weiter unten.

Wer regelmäßig barfuß geht, wird mit der Zeit eine etwas dickere Fußsohlenhaut bekommen und trainierte Wadenmuskeln. Es bildet sich aber keine Horn-, sondern eine eher lederartige Haut. Sie sorgt dafür, dass die Fußsohlen vor Verletzungsgefahren gut geschützt sind. Etwas Pflege mit einer Creme gegen trockene oder rissige Haut im Sommer.
Besonders für Anfänger und Gelegenheits-Barfüßer sind die angelegten Barfußpfade sehr geeignet. Es handelt sich hierbei in der Regel um einen liebevoll gestalteten, abwechslungsreichen Parcours mit Gras, Kies, Lehm, Sand, Moor, Holz. Ein unwahrscheinlich sinnlicher Genuss, der an die traditionelle Kneipp-Kultur anknüpft!
Am angenehmsten ist eine Temperatur von 20 bis 25 Grad - aber Füße können sich an einen viel breiteren Bereich gewöhnen. Wer sich oben rum gut einpackt, kann bereits ab 10 Grad bequem barfuß laufen. Geübte Barfußwanderer wissen sogar Schneespaziergänge bei Temperaturen um dem Gefrierpunkt zu schätzen. In der Sommersonne wärmen sich Straßen und Sand oft auf über 40 Grad auf. Im Juni und Juli muss man also auch auf etwas schattige Wege achten oder zumindest Teerwege vermeiden.

Barfuß gehen ist gesund
Es kräftigt Muskeln, Bänder und Gelenke, verbessert die motorischen Fähigkeiten und beugt damit Verletzungen vor und das auch, wenn man wieder Schuhe trägt (Verstauchungen!). Auch die Wirbelsäule profitiert davon. Es stärkt die Immunabwehr, insbesondere bei kaltem Wetter (Kneipp-Effekt). Es verbessert die Blutzirkulation in den Beinen und beugt damit aktiv verschiedenen Leiden aufgrund mangelnder Durchblutung vor. Wenn man auf natürlichen Böden barfuß geht, werden dabei die Reflexzonen beständig massiert, was einen positiven Effekt auf den ganzen Körper hat. Gleichzeitig wird Stress ab- und Entspannung aufgebaut. Selbst der Blutdruck wird ausgeglichen.
Deformationen der Füße, die erhebliche Gehbeschwerden verursachen können, entstehen nur durch das Tragen unpassender Schuhe. Sogar wenn bereits Fußschäden vorliegen, lindert sie das simple Barfußlaufen in der Regel besser als Einlagen. Am besten eignet sich hierfür natürlich unebenes und abwechslungsreiches Gelände.

In Bevölkerungsgruppen, bei denen üblicherweise keine Schuhe getragen werden, treten Fußkrankheiten praktisch nicht auf. Gerade in der Wachstumsphase ist es am besten, wenn Füße sich frei entfalten können. Deshalb sollten Kinder (Jugendliche und Erwachsene natürlich auch.) im Grunde nur im Winter regelmäßig Schuhe tragen und im Haus stets barfuß laufen.

Häufige Fragen
• Kann man sich nicht an Glasscherben verletzen? Ein bisschen auf den Weg achten und ihr könnt den meisten Scherben leicht ausweichen. Wer den Fuß gerade aufsetzt und nicht am Boden schleifen lässt, wird dann von den allermeisten Scherben selbst beim Drauftreten nicht verletzt, zumal die sich bildende Lederhaut der Sohlen schützt. Ähnliches gilt für Bienen: auf Blumenwiesen solltet ihr bodennahe Blüten und Fallobst meiden.

• Erkältet man sich beim Barfußlaufen? Erkältung ist eine ansteckende Krankheit, die, wenn sie "umgeht", weite Teile der Bevölkerung in Mitleidenschaft zieht und umso besser überwunden wird, je besser das Immunsystem funktioniert. Barfußlaufen trainiert das Immunsystem, ist also sogar eine gute Vorbeugung. Bei kühlem Wetter gibt der Körper über die Füße zwar Wärme ab, diese kann er aber anderswo leicht produzieren.

• Gehen die Gelenke nicht kaputt? Die Dämpfung mag vor allem beim Rennen auf hartem Boden wichtig sein - aber es gibt genug Möglichkeiten, der Asphaltwüste zu entgehen. Durch eine Konstruktion aus zwei annähernd senkrecht zueinander stehenden Gewölben können an den Füßen sehr hohe Druckbelastungen abgefangen werden. Folglich berührt beim Barfußlaufen ganz unwillkürlich zuerst der Vorfuß den Boden, ähnlich wie beim Laufen auf der Stelle. Die Beweglichkeit der Gelenke und die Dehnfähigkeit der Muskulatur sorgen dabei für einen effektiven Schutz des Bewegungsapparates. In der Evolution haben vollgedämpfte Turnschuhe keine Rolle gespielt: Der Fuß ist perfekt vorbereitet für das Gehen auf unterschiedlichsten Untergründen.

• Infiziere ich mich nicht mit Fußpilz? Fußpilz kann sich zwar über Böden, wo viele Leute barfuß gehen, verbreiten, überlebt aber nicht, sofern ihm nicht im feuchtwarmem Klima von Schuhen ein Nährboden geboten wird. Trockene Füße, wie man sie beim Barfußgehen natürlich hat, sind für den Pilz praktisch unüberwindbar. Solche trockenen Bar-Füße riechen übrigens auch nicht, denn dafür ist das Zersetzen des Schwitzschweißes in Schuhen durch Bakterien verantwortlich.

• Ist Barfußlaufen nicht unhygienisch? Dass von jedem Boden etwas hängen bleibt, ist ganz natürlich. Es fällt auch bald ganz von selbst wieder ab - nach der nächsten Wiese sind die Füße etwa wieder so sauber wie vorher. Die kleine Mühe, sich abends die Füße zu waschen, sollte einem die Freude an der Sache schon wert sein - schließlich entfällt auch das Schuhe putzen! 

Barfuß-Spiele
Greifen und Ablegen: Mit den Zehen kann man verschiedene Gegenstände greifen. Besonders geeignet sind Spielfiguren, Murmeln, Steinchen oder Kiefernzapfen. Eine interessante Aufgabe besteht darin, diese durch verschieden große Löcher im Deckel eines Schuhkartons zu stecken.

Stöckchen weiterreichen: Gar nicht schwierig ist das Weitergeben eines Stöckchens (ca. 1 cm dick) von Fuß zu Fuß. Dieses kann zwischen zwei oder auch mehr Beteiligten hin- und hergehen, wobei man mit den Füßen abwechseln sollte. Die Kinder können auch in einer Reihe stehen und das Stöckchen weiterreichen. Ihr könnt auch Gruppen bilden und schauen, welche es am seltensten fallen lässt.

Ringe greifen: Ringe von 10-15 cm Durchmesser aus weichem Material (z.B. Fenster-Isolierband aus Schaumstoff, Pfeifenputzer) kann man mit den Zehen greifen und auf ein Stöckchen fädeln, das im Boden steckt.

Kunst: Alles was wir mit den Zehen greifen können, lässt sich - ohne lästiges Bücken - als Bild oder Mosaik auf dem Boden anordnen.

Tuchziehen: Zwei setzen sich gegenüber, dass sie ein in der Mitte liegendes Frotteetuch gut mit den Zehen erreichen können. Auf Kommando greifen beide mit den Zehen danach und versuchen, es auf die eigene Seite zu ziehen.

Ballon-Lauf: Zwei Luftballons werden aufgeblasen und unverknotet zwischen die Zehen geklemmt. Nun muss man das Herumlaufen üben, ohne dass sie wegfliegen. Dabei kann man entweder schauen, wer die weiteste Strecke damit gehen kann oder beim Rumlaufen anderen Leuten plötzlich Ballons um die Ohren sausen lassen.

Kiesel-Zielwurf: Fortgeschrittene Fußakrobaten können Kieselsteine, Murmeln oder ähnliche Gegenstände gezielt in einen Korb oder eine Plastikschüssel werfen. Je nach Können kann die Schüssel einen Meter oder weiter entfernt stehen.

Malwettbewerb: Auch mit den Zehen kann man seinen Namen schreiben oder ein kleines Bild malen.
(Spielideen von Dr. Lorenz Kerscher, Penzberg)

Grundregeln für den Start
Den Fuß immer gerade aufsetzen und nicht schlurfen. Das Gewicht sollte mehr auf den Vorderballen liegen, da diese durch ihre flexible Haut mit Unebenheiten besser umgehen können als die Ferse und auch die Gelenke durch die Federwirkung des Fußes geschont werden. Immer den Weg im Auge behalten - wenn es woanders etwas zu sehen gibt, lieber stehen bleiben. Wenn du fühlst, dass du auf etwas Unangenehmes trittst, solltest du schnell genug reagieren und woanders hintreten können.

Allmählich steigern: Zu Beginn bzw. nach einer Winterpause muss man in den ersten Wochen noch einer erhöhten Verletzlichkeit der Sohlenhaut Rechnung tragen.

Grillplätze, Straßenränder etc. sind oft mit Glasscherben dekoriert und deshalb mit Vorsicht zu genießen.

Von Weidezäunen kann Stacheldraht weghängen - vor allem an Durchlässen muss man vorsichtig sein!

Etwas Verbandsmaterial mitzuführen ist sowohl beschuhten als auch barfüßigen Wanderern anzuraten - zumindest eine Pinzette, Heftpflaster und elastische Binde.

Stachliges: Zwischen blühenden Blumen (vor allem Klee) sollte man deshalb gut auf Wespen und Bienen achten! Allergiker sollten (auch wenn sie Schuhe tragen!) immer ein wirksames Gegenmittel mit sich führen. Stiche durch Dornen sind harmlos, wenn man den Stachel sofort wieder geradlinig herauszieht und ein ausreichender Tetanusimpfschutz vorhanden ist.

Regelmäßiges Eincremen der Füße verhindert Hornhautrisse und versorgt die Haut mit Fett. Es macht viel mehr Spaß als Lederpflege am Schuh. Sonnenschutzcremes verhindert Sonnenbrand auf Fußrücken.

Brandblasen kann man sich an Metall (Gullydeckel, Schienen) und auf Asphalt in der Sonnenglut holen. Auch der Sand an südlichen Stränden kann in der Mittagszeit gnadenlos Hitze tanken.

Erfrierungsgefahr droht bei lang andauernder Auskühlung auf unter +6 Grad C. Winterbarfüßer sollten spätestens aufhören, sobald die Zehen anfangen zu schmerzen, denn wenn sie taub werden, drohen Erfrierungen.

Nützliche Internetadressen:
Im Internet trifft man auf eine sehr lebendige Gruppe aktiver Barfüßer, was die große Anzahl der Links zeigt:
www.barfuss.net (Diskussionsforum, in dem Berichte über Barfußwanderungen sehr willkommen sind)
www.barfusspark.info  (Barfußlaufen in der Natur, von Dr. Lorenz Kerscher)
www.barfusspark.de (Barfußpark Dornstetten)


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